Kleine Geschichte des Carneval

Von Lebrecht Viebahn

Den Carnevalsbräuchen geht das Fasten, die Fastenzeit und die Fastnacht voraus. Das Fasten ist in vielen Kulturkreisen bekannt und seine Geschichte läßt sich weit zurückverfolgen. Trotzdem kann man nicht mit Sicherheit sagen, ob die überlieferten Feste der alten Kulturen tatsächlich die Vorläufer des heutigen Carneval sind bzw. wann sich dieser aus ihnen entwickelt hat.

Der Gedanke, daß dies so ist, kann sich jedoch aufdrängen. So sind aus der griechischen Geschichte die Dionysosfeste bekannt, die einen fröhlichen, harmlosen Charakter tragen. Sie wurden begangen durch festliche Aufzüge, Chorreigen und komische Tänze in allerlei Masken; mutwillige Scherze, improvisierte Lieder und Spiele gehörten dazu. Im Februar wurde drei Tage gefeiert, der letztjährige Wein wurde angezapft, man versammelte sich mit den Hausgenossen ohne Unterschied des Standes in froher Gemeinschaft und nahm gemeinsam Teil an Umzügen und einem großen öffentlichen Schmaus.

Bei den Römern wurden in ausgelassener Stimmung die „Saturnalien“ gefeiert. Unter der Herrschaft des Bauerngottes „Saturn“ waren die Menschen gleich. Die Sklaven hatten dieselben Freiheiten wie ihre Herren. Diese mußten sich von ihren Untergebenen regelrechte Zurechtweisungen und Strafpredigten gefallen lassen, vergleichbar mit manchen Büttenreden der heutigen Zeit.

Die „Fastnacht“ in der heutigen Form geht in der Hauptsache auf mittelalterliche Bräuche zurück und beginnt im allgemeinen am Dreikönigstag. Bereits aus dem 13. Jahrhundert sind Fastnachtsspiele überliefert, in denen sich die männliche Bevölkerung mit Frauenkleidern maskierte. Fastnachtsumzüge kamen auf, bei denen die Teilnehmer als vom Teufel besessene auftraten und dabei Waffen und Kostüme trugen, die nach christlicher Überlieferung menschliche Laster versinnbildlichten.

Am Dreikönigstag erfolgte die Wahl des Bohnenkönigs für sein Narrenreich. Der Bohnenkönig erwählte sich einen ganzen Hofstaat, dessen Mitglieder ihre Rollen zu spielen hatten. Alle gewöhnliche Ordnung war aufgehoben bzw. in ihr Gegenteil verkehrt und die Narren regierten. Zum System der Narrenwelt gehörten typische Figuren. Dies waren einerseits die Verführer der Welt wie Teufel, Hexen usw., anderereseits die Beherrscher der Welt wie Könige und Prinzen.

Zu den Weltherrschern gehörten vor allem die Fastnachtsprinzen mit ihrem Hofstaat, ihren Garden, Herolden, Proklamationen und Ordensverleihungen. Vieles davon hat sich bis heute erhalten. Den Fastnachtsspielen und Umzügen fiel die Aufgabe zu, das Fehlverhalten des Menschen wie in einem Spiegel zurückzublenden.

Die Fastnacht endet am Aschermittwoch mit deren Begräbnis. Oft wurde hier nach einer imitierten Gerichtsverhandlung eine Puppe erschossen, erhängt oder ertränkt und unter Nachäffen kirchlicher Zeremonien begraben. Damit verbunden ist auch der Gedanke an die gefährlichen Mächte des Winters; Sieger ist der Frühling und damit das Leben.

Diese Tradition spiegelt sich auch deutlich in der alemannischen Fastnacht wieder. Durch das dortige Faschingstreiben soll de Winter mit seinen dunklen Geistern und Dämonen endgültig der Garaus gemacht werden. Die furchterregenden Masken und die lärmenden Rasseln und Trommeln sollen sie vertreiben, aber auch den Frühling wachrütteln.

Im Barock wurde das Wort Carneval aus dem italienischen übernommen. Es leitet sich vermutlich von „carne levale“ ab, als von der lateinischen Mahnung, in der Fastenzeit dem Fleisch zu entsagen. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch der Brauch, daß an Fastnacht reichlich gegessen und getrunken werden soll als Sicherstellung dafür, daß das kommende Jahr Überfluß bringen wird. Um kräftig zu bleiben, trinkt man Bier und wer an Fastnachtdienstag nüchtern einen Schnaps trinkt, den werden das Jahr über die Mücken nicht stechen.

Die Carnevalszeit bietet vor dem Fasten neben essen und trinken auch die letzte Gelegenheit, im Tanz ausgelassen die Narrheit auszuleben. Bis zur Jahrhundertwende waren die Gardetänzer ausschließlich Männer, da es den Mädchen und Frauen verboten war, sich im Carnevalsgeschehen in närrischer Art zu produzieren. Daher wird heute noch im närrischen Dreigestirn in Köln und Umgebung die Jungfrau von einem Mann dargestellt.

Im rheinischen Carneval wird durch das närrische Verhalten das reguläre Militär glossiert, was aus einer Weiterentwicklung der närrischen Hofstaat-Tradition des Mittelalters resultiert. Die heutige Form der Carnevalsgarden mit ihren Kostümen hat den gleichen Ursprung, sie sind entlehnt von den Soldaten und den Bürgerwehren. Das Funkenmariechen war ursprünglich eine Marketenderin der Kölner Stadtsoldaten, den Funken. Es begleitete diese tanzend bei ihren Märschen und Auftritten.

Die drei tollen Tage

Der Rosensonntag bildete gewissermaßen den Wendepunkt der Fastenzeit. Ab jetzt wurde froh vorausgeschaut auf den Palmsonntag mit dem Einzug Christi in Jerusalem. Das Hauptereignis bestand darin, daß der Papst in Rom mit einer goldenen Rose in der Hand vor die Gläubigen trat, um sie so auf die nahende Passionszeit hinzuweisen.

Der Rosenmontag hingegen hat nichts mit Rosen zu tun, sondern ist eine Bezeichnung für den „rasenden“ Montag und den „blauen“ Montag, abgeleitet von der blauen Farbe der Altartücher an diesem Tag.

Am Fastnachtdienstag endet die närrische Zeit und mit dem Aschermittwoch beginnt die 40tägige Fastenzeit, in der mit Asche, Staub und einem Bußkleid auf die Wertlosigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen hingewiesen wird.

Herzlichen Dank an Lebrecht Viebahn für diesen Beitrag

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